Literaten-und Künstlerszene in Prenzlauer Berg vor 1989 – von Bernt Roder, Museum Pankow

Bernt Roder, Leiter des Museums Pankow, bei der Einführung zu artspring central. Foto: Franziska Messner

Der heutige Ortsteil Prenzlauer Berg hatte sich bis zum Mauerfall 1989 zu einem Ort vielfältiger kultureller und künstlerischer Praxis entwickelt. 1985 lebten im Bezirk offiziell etwa 300 Maler und Grafiker sowie 35 Schriftsteller. Die Zahl der Künstler, die sich alternativen Projekten widmeten ist unbekannt. Die allgegenwärtige marode Bausubstanz bot unzählige Freiräume, in denen Künstler- und Kulturschaffende Arbeitsräume fanden und diese Räume zugleich für Lesungen, Konzerte, Ausstellungen und Performances nutzten. Intern musste der mächtige Sicherheitsapparat einräumen, in dem dicht besiedelten Stadtbezirk mit seinen z.T. leer stehenden Hinterhäusern im Einzelnen den Überblick über die dort stattfindenden halblegalen und illegalen Aktionen und Veranstaltungen verloren zu haben. Aus vielen Gegenden der DDR zog der Prenzlauer Berg junge Kreative an, in der Hoffnung, dem bestehenden gesellschaftlichen Korsett entfliehen und die hier vorhandenen Freiräume, ja alternative Lebensentwürfe ausprobieren zu können.

Generell unterstanden sämtliche Bereiche des öffentlichen Lebens in der DDR dem erklärten Willen der Staats-und Parteiführung, diese zu kontrollieren und wie es im Jargon der Staatssicherheitsdienst hieß, vor „negativ-feindlichen“ Elementen zu schützen. Das künstlerische Schaffen stand unter besonderer Beobachtung und führte vielfach zu

Foto: Museum Pankow

Beobachtungen, Einschüchterungen, Drangsalierungen, Berufsverboten und Kriminalisierungen. Kunst und Kultur sollten staatstragend wirken und die potentiell subversive Kraft wurde gefürchtet. Einen Höhepunkt der repressiven Kunst-und Kulturpolitik durch die SED-Staatspartei bildete das Vorgehen gegen die im Zuge der Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermanns auftretenden Solidaritätsbekundungen im Jahre 1976.

Bereits seit 1974 bis zu seiner Ausreise im Jahre 1980 betrieb Jürgen Schweinebraden in der Dunckerstraße 19 eine frühe Privatgalerie. Ebenso zählte die Atelierwohnung von Eckehard Maaß und Wilfriede Maaß in der Schönfließer Straße seit 1978 zu einem Treffpunkt, wo Lesungen und Konzerte stattfanden. Häufig zählten private Wohnungen zu den Treffpunkten künstlerischer Performances. In den 1980er Jahren fanden z.B. in der Wohnung von Ulrike und Gerd Poppe regelmäßige Lesungen statt, bei denen auch Schriftsteller und Künstler ihre Texte vortrugen, die in der DDR nicht veröffentlicht werden konnten. Das besondere in Prenzlauer Berg vor 1989 bestand darin, dass sich hier in der Misc

Foto: Museum Pankow

hung zwischen kultureller Szene und politischer Szene eine Opposition herausbildete.

Heute erinnert nur noch wenig an die vielfältigen Aktivitäten vor 1989. Neben der Beschwörung des Mythos Prenzlauer Berg gerät ebenso die in den Jahren und Jahrzehnten danach entstandene Blüte neuer Galerien, Theater und wie es nun hieß kultureller Projekte, zum Beispiel die Galerie O2 in der Oderberger Straße, aus der Erinnerung. Mit der Schaffung gehobener Wohnlagen verlagerten sich Orte der Kunst-und Kulturproduktion andernorts oder mussten aufgeben.

Das Museum Pankow sucht nach Kunstwerken und literarischen Quellen, die sich thematisch mit den zurückliegenden 30 Jahren beschäftigen und die Zeit nach dem Mauerfall bis heute reflektieren. Zeugnisse der Transformation im privaten Umfeld, der Wohnumgebung sowie des gesellschaftlichen Wandels könnten so anlässlich des 30jährigen Jubiläums der Friedlichen Revolution im kommenden Jahr Teil einer Schau im Museum werden.

Bernt Roder, Museum Pankow