Open Call: Abdriften

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Ausufern, Abdriften und Gegensteuern

Nicht alles lässt sich steuern. Manche Bewegungen weiten sich aus, andere entfernen sich, wieder andere verlangen nach einem Eingriff. Bewegung entsteht nicht nur aus Entscheidung, sondern auch aus Übermaß, aus Trägheit, aus dem bewussten Zulassen von Dynamik. Orientierung ist kein stabiler Zustand. Sie wird hergestellt, verliert sich, verschiebt sich. Manchmal schneller, als man reagieren kann.

Ausufern, Abdriften und Gegensteuern sind keine klar getrennten Zustände. Sie können gleichzeitig auftreten, sich gegenseitig verstärken oder blockieren. Sie prägen, wie gegenwärtige Situationen erlebt und verhandelt werden. Überforderung gilt dabei als Normalzustand. Die Reizdichte steigt, Informationen überlagern sich und Gleichzeitigkeit wird zur Daueranforderung. Krisen folgen nicht mehr aufeinander, sie laufen parallel. Gleichzeitig verschiebt sich, was als hinnehmbar gilt. Verschlechterungen werden akzeptiert, problematische Zustände normalisiert. Lebensrealitäten driften auseinander, ohne offen zu kollidieren. Die Ermüdung tritt an die Stelle von Widerstand, Gleichgültigkeit wird aushaltbar. In dieser Lage wächst der Druck zu handeln. Entscheidungen müssen getroffen werden, oft ohne Klarheit über ihre Folgen. Eingriffe können entlasten, sie können aber auch neue Probleme erzeugen. Nichts zu tun ist eine Entscheidung. Einzugreifen ebenso.

Die drei Ausstellungen setzen an unterschiedlichen Punkten dieser Bewegungen an. Sie folgen keiner linearen Abfolge und keiner gemeinsamen Lösung. Stattdessen beschreiben sie Zustände, die sich überlagern, ineinander kippen oder einander widersprechen. Ausdehnung kann Überforderung bedeuten oder Freiraum. Entfernen kann Verlust heißen oder das bewusste Treibenlassen. Eingreifen kann als Zwang erscheinen oder als Akt der Selbstermächtigung. Was sie verbindet, ist keine Haltung und kein Programm, sondern die Frage, wie Bewegung erlebt, gestaltet oder unterbrochen werden kann.

Vielleicht liegt die Herausforderung auch weniger darin, eine Richtung festzulegen, als darin, immer wieder neu zu entscheiden, wann man laufen lässt, wann man Abstand hält und wann man eingreift. Sich treiben lassen, ohne sich zu verlieren.

Abdriften beginnt selten mit einer bewussten Entscheidung. Es setzt leise ein. Etwas verschiebt sich, ohne dass ein klarer Moment benannt werden kann. Orientierung löst sich nicht abrupt, sondern wird allmählich unschärfer. Das Vertraute bleibt sichtbar, verliert aber an Verbindlichkeit. Abstand entsteht, ohne dass er ausdrücklich gesucht wurde. Dieses Entfernen ist nicht nur Verlust. Es kann Entlastung bedeuten. Erwartungen lockern sich. Festlegungen verlieren an Gewicht. Abdriften erlaubt, sich zeitweise dem Zwang zur Positionierung zu entziehen. Nicht jede Bewegung braucht ein Ziel. Manches erschließt sich erst im Treibenlassen, im Umweg, im Verharren zwischen zwei Zuständen.

Abdriften vollzieht sich über Zeit. Übergänge ziehen sich, Zustände normalisieren sich, weil sie sich langsam verändern. Diese Langsamkeit kann lähmen. Sie kann aber auch den Blick schärfen für Verschiebungen, die im schnellen Wechsel unsichtbar bleiben. Aufmerksamkeit wandert. Bezüge werden dehnbar. Nähe und Distanz ordnen sich neu. Abdriften kann bewusst zugelassen werden. Als Schritt zur Seite. Als temporärer Rückzug aus festen Bahnen. Räume, Zeit, Mittel und Aufmerksamkeit geraten in Bewegung. Nicht alles bleibt verfügbar. Nicht alles muss gehalten werden. Das kann verunsichern. Es kann aber auch neue Felder öffnen. Gleichzeitig bleibt Abdriften ambivalent. Nicht jede Verschiebung ist frei gewählt. Nicht jede Distanz produktiv. Wo Treibenlassen in Entzug kippt, entsteht Leere. Wo Offenheit zur Ausrede wird, verliert Verbindlichkeit an Gewicht. Abdriften fordert Aufmerksamkeit gerade deshalb, weil es kaum markiert ist.

Für die Ausstellung interessieren uns Arbeiten, die sich mit Verschiebung, Distanz und zeitlichen Prozessen auseinandersetzen. Gesucht sind Werke, die sich dem eindeutigen Standpunkt entziehen, Übergänge sichtbar machen oder das Verhältnis von Nähe und Entfernung befragen.

Eröffnung: Dienstag, 5. Mai 2026
Laufzeit: 5. Mai – 20. Juni 2026
Ort: artspring Pop Up Store
Aufbau: ab 28. April 2026
Deadline: 28. Februar 2026
Zugelassen sind alle künstlerischen Genres.

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