„Kraft und Schönheit“ – Verena Issel im KORN Kunstraum

„Kraft und Schönheit“
25. November 2021 – 02. Januar 2022 | Verena Issel


Verena Issel schafft Rauminstallationen, Skulpturen, Filme, Zeichnungen, Collagen und Wandobjekte.
Die Künstlerin lässt mitunter sonderbar, possierlich, gefährlich oder humorvoll anmutende, raumgreifende Szenarien entstehen, deren gesellschaftspolitische Bezüge auf den zweiten Blick eine eindringliche Ernsthaftigkeit entfalten können. Die Inhalte von Verena Issels Arbeiten variieren, versammeln sich aber stets im Umfeld relevanter Gegenwartsdiskurse. Ihre Themen, ebenso wie Gestalt und Material ihrer Rauminstallationen, reagieren präzise auf das jeweilige Ausstellungsumfeld.

In ihrer Ausstellung bei KORN widmet sich Verena Issel den Möglichkeiten von ideologischen Implementationen im Kontext von Selbstfindungs- und Selbstoptimierungs-Praktiken. Dies bildet sich auch im Ausstellungstitel ab – „Kraft und Schönheit*“ zitiert den Titel einer gleichnamigen, lebensreformerischen Zeitschrift, die in der Ausstellung auch zu sehen ist.

Beschleunigung, Wachstum und Innovationsverdichtung gehören zu den grundlegenden, strukturbildenden
Qualitäten unserer zeitgenössischen Gesellschaft westlicher Prägung. Als Mitglieder einer solchen Gesellschaft unterliegen wir alle systemimmanenten Imperativen, die von uns permanente Aktivität, Flexibilität  und Selbstoptimierung sowie die stetige Anhäufung unseres Kapitals fordern – sei es ökonomisch, kulturell,  sozial oder körperlich. Der in den 80er Jahren attestierte „Fahrstuhleffekt“ kann im Neoliberalismus immer seltener beobachtet werden, ist vielgestaltigen „slippery slopes“, dem alltäglich Wettbewerb gewichen. Um die Position, die wir erreicht haben zu halten, müssen wir uns heute fortwährend verbessern, noch innovativer und kreativer sein, stets beweglich und agil bleiben.

Als Reaktion darauf haben Begriffe wie Leistungssteigerung, Fitness und Training einerseits und
Entschleunigung, Resilienz und Gelassenheit andererseits gemeinsam mit Yoga- und Achtsamkeits-Kursen Hochkonjunktur. Auch die Fitness- und Esoterik-Industrie verdanken ihre Erfolge der beschriebenen Situation.

Hinter den angebotenen Konzepten steht nicht selten eine Sehnsucht nach einer anderen Form des „In-
der-Welt-Seins“. Dabei werden allerdings auch unterschiedliche Glaubenssätze produziert wie: Wenn es Dir gelingt, die richtige Haltung einzunehmen, kann dir die Welt nichts mehr anhaben.

Gerade weil viele solcher Praktiken ein ‚besseres‘ Leben versprechen und uns helfen sollen, resilienter zu werden, fügen sie sich erstaunlich häufig allzu leicht in die Imperative der Optimierung ein und reproduzieren bzw. manifestieren – nur in einem achtsam-geschmeidigeren Gewand – die Anforderungen an die Individuen. Von der Vergangenheit bis heute lässt sich immer wieder beobachten, wie aus den guten Vorsätzen auch ein gefährliches, ideologisches Potenzial erwachsen kann – wie es zu einer Vermischung von esoterischer Lebenshilfe und Verschwörungstheorien, von hippieskem und rechtsnationalem Gedankengut kommen kann. Diesen Dynamiken spürt Verena Issel in ihrer Ausstellung bei KORN nach.

Eine Installation aus flachen, gleichsam geplätteten stählernen Fitnessgeräten wird umrundet von weichen
Fitnessgeräten und Lesekopien der Zeitschrift „Kraft und Schönheit“.

Isa Maschewski

Vorheriger Beitrag
artspring Lichtkunstfestival
Nächster Beitrag
Ausschreibung Ausstellung | Bewegte Bilder | Frist 16. Januar 2022
Menü