Gradatim Processum im Pop Up Store

Vernissage: Dienstag 16. Juni um 18 Uhr
Ausstellung: 16. 06. – 30. 06.
Öffnungszeiten: Mi-Sa 12-19 Uhr
Pop Up Store: Rathauscenter Pankow, 1. OG, Breite Straße 20, 13187 Berlin

Eine Gruppenausstellung über verschwindende Konsumräume und den Wandel öffentlicher Räume.

Shoppingmalls und Kaufhäuser verlieren in vielen Berliner Stadtteilen zunehmend an Bedeutung. Sie verwaisen, wirken trostlos. Unabhängigen Ladengeschäften droht durch steigende Mieten und den wachsenden Onlinehandel zunehmend das Aus. Vertraute Orte verschwinden nach und nach. Gleichzeitig erleben exklusive Shopping-Events, Pop-up-Stores und ähnliche Formate einen Boom – oft intensiv durch Influencer in den sozialen Medien beworben. Mit unserem Fotoprojekt nehmen wir diesen Wandel in den Blick. Wir präsentieren Momentaufnahmen einer vergehenden Ära und Ansätze einer möglichen Shoppingzukunft. Wir zeigen Produkt- und Ladenpräsentationen und machen das Einkaufserlebnis visuell erfahrbar.

Unser Ansatz ist nicht nur dokumentarisch. Porträts, Stillleben und Reportage-Fotografie verweben sich zu einem Gesamtbild. Mit unserem Projekt möchten wir Impulse für die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Wandel der Einkaufswelt geben: Welchen Einfluss haben wir auf soziale Veränderungen und auf die Gestaltung der Stadträume? Was wollen wir bewahren, was brauchen wir? Wer bestimmt den Diskurs und die Regeln?

Jonas Gottfriedsen: „Die Fotografie lernte ich in meiner Kindheit durch meine Großmutter. Meine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Medium – am Photocentrum der Gilberto Bosques VHS, bei c/o Berlin sowie Fotografiska – führte zu Schwerpunkten in Street Photography, Reportage, Porträt und Skulpturenporträts. Arbeiten von mir waren bereits in verschiedenen Ausstellungen zu sehen.  In dieser Arbeit richte ich den Blick auf Berliner Warenhäuser. Einkaufsorte wie das renommierte Kaufhaus des Westens, die geschlossene Galerie Lafayette, das angeschlagene Karstadt am Hermannplatz oder die East Side Mall stehen exemplarisch für Räume, in denen sich ökonomische, soziale und ästhetische Verschiebungen verdichten. Dabei geht es mir nicht um nostalgische Rückschau, sondern um eine visuelle Auseinandersetzung mit dem Wandel selbst.  In diesen Bildern wird Fotografie zur Methode der Spurensicherung, aber auch zur spekulativen Praxis.“

Christian Gröschel: „Ich studierte Philosophie, Germanistik und Romanistik in Köln und wurde in Berlin zum Theaterpädagogen ausgebildet. Meine fotografischen Arbeiten befassen sich mit Stadt, Mensch und Gesellschaft. In meinen Fotografien versuche ich die Momente festzuhalten, in denen die ursprüngliche Planung und Organisation der Shopping-Center, Einkaufsstraßen und Malls als kunden-freundliche Orte des Konsums in ihrer Funktion eingeschränkt scheinen, während zugleich noch völlig offen ist, was mit diesen „Einkaufswelten“ passieren wird. Meine Annäherung an das Projektthema besteht in einem beharrlichen Wiederaufsuchen derselben Orte, um in den Wiederbegegnungen zunächst auch kleinere Veränderungen fotografisch mit der Intention festzuhalten, ein komplexeres Bild dieser gesellschaftlichen und städtischen Transformation zu erhalten.“

Beata Böttcher-Sisak: „Der Onlinehandel und soziale Medien verschieben das Einkaufen zunehmend ins Digitale. Damit gehen auch physische Orte der Begegnung verloren. Gleichzeitig bleibt das Bedürfnis nach Austausch und sozialer Nähe bestehen. Die Frage ist, welche Rolle diese Orte des Einzelhandels heute noch spielen und wie sie sich neu formen. Seit 2015 ist die Zahl der stationären Geschäfte in Deutschland um rund 70.000 zurückgegangen. Läden schließen, Flächen werden umgenutzt. Die verbleibenden Orte entwickeln neue Strategien, um Kundschaft anzuziehen: Pop-up-Stores, Events und Inszenierungen, die für die Sichtbarkeit in sozialen Medien entwickelt werden. Räume, die früher klar auf Konsum ausgerichtet waren, befinden sich dabei in einem Transformationsprozess – von klassischen Konsumtempeln hin zu hybriden Begegnungsstätten. Diese sollen wieder zu sozialen Bühnen werden, Orte, an denen man verweilt und Zeit miteinander verbringt. In meiner Arbeit dokumentiere ich diesen Wandel in Berlin. Meine Fotografien zeigen Menschen in diesen Räumen, aber auch Leere und Brüche. Sie machen sichtbar, wie sich soziale Prozesse verändern – und wie fragil die Idee des „Dritten Ortes“ als Begegnungsort
geworden ist.“

Kostas Beis: „Ich bin in Athen geboren und lebe sowie arbeite in Berlin. Mein Interesse gilt vor allem der Porträt- und Street Photography. In meiner Fotoreihe sind Momentaufnahmen zu sehen, die rund um den verlassenen Flughafen Schönefeld in Berlin aufgenommen wurden. Seit einigen Jahren ist der neue Berliner Flughafen Berlin Brandenburg in Betrieb. Nicht weit entfernt befindet sich der ehemalige Empfangsbereich sowie das Gelände des alten Flughafens, das heute ungenutzt und verlassen wirkt. Dabei stellte sich häufig ein Gefühl von Melancholie ein – die Stimmung eines Ortes, der einst viele Menschen beherbergte, die sich dort nur für kurze Zeit aufhielten, bevor sie entweder in andere Länder aufbrachen oder nach Berlin reisten. Heute jedoch steht dieser Ort weitgehend leer. Oft fragte ich mich während meiner Besuche, in welchem Kontext sich an diesem Ort wohl wieder Menschen zusammenfinden werden.“

Vorheriger Beitrag
Artist Talk mit Mariel Poppe
Nächster Beitrag
Jiaying Wu im Pop Up Store