Kunstspaziergang durch die Bornholmer Gärten

Eröffnung und geführte Touren: Samstag, 9. Mai 2026, 14 Uhr, Treffpunkt vorm Vereinshaus & Gartenlokal „Tante Klara“ Bornholm II Esplanade, 26B, 13187
Ausstellungsdauer: 9. Mai bis Mitte Juni 2026

Auf den ersten Blick wirkt eine Kleingartenanlage nicht wie ein Ort des Ausstellens. Sie ist kein leerer Raum, kein White Cube, kein Gelände, das darauf wartet, bespielt zu werden. In den Bornholmer Gärten ist vieles festgelegt. Wege führen durch die Anlage, Zäune markieren Grenzen, Parzellen teilen den Raum, Hecken schaffen Sichtachsen und Abschirmungen, Zuständigkeiten sind verteilt. Jeder Abschnitt ist Teil eines größeren Ganzen und zugleich einer eigenen kleinen Ordnung. Es wird gepflanzt, gebaut, geschnitten, geschützt, repariert und entschieden. Nichts daran ist beliebig. Gerade diese Dichte aus Nutzung, Regelung und Pflege prägt den Ort.

Und doch ist die Anlage nicht abgeschlossen. Sie lebt auch davon, dass sie gesehen wird. Die Wege sind öffentlich zugänglich, man geht hindurch, schaut hinein, bleibt stehen, vergleicht, entdeckt Unterschiede. Gärten präsentieren sich immer auch nach außen, nicht nur durch das, was in ihnen wächst, sondern auch durch ihre Gestaltung und ihre Übergänge. Und vielleicht ist die Kleingartenanlage dem Ausstellungsbetrieb darin dann doch näher, als es zunächst scheint. Auch hier geht es um Anordnung, Sichtbarkeit, Setzung und darum, wie ein Ort in Erscheinung tritt. Das zeigt sich auch daran, dass Bornholm I im vergangenen Jahr beim Landeswettbewerb der Berliner Kleingärten ausgezeichnet wurde. Nicht nur einzelne Parzellen, auch die Anlage als Ganzes wird wahrgenommen und bewertet. Die Kunst trifft hier also nicht auf einen unberührten Ort, sondern auf einen Raum, der eigene Formen der Präsentation mitbringt.

Ausstellungsansichten aus 2025

Auch in diesem Jahr sind wieder viele Kunstschaffende dem Aufruf für die KGA Bornholm I & II gefolgt. Entstanden ist kein loses Nebeneinander von Arbeiten im Freien, sondern eine Gruppe von Positionen, die sich auf sehr verschiedene Weise zu diesem Ort verhalten. In vielen Arbeiten kehren Fragen nach Schwellen, Begrenzungen, Einfassungen und kleinen Verschiebungen wieder. Nicht als gemeinsames Thema, eher als Linie, die sich durch den Spaziergang zieht. Doch die sichtbare Ordnung der Gärten ist nur eine Seite. In einigen Arbeiten rückt das Material selbst in den Vordergrund. Es geht um organische Reste, um Stoffe, die sich verändern, sich umformen oder konserviert werden. Eine Arbeit aus Tierknochen zeigt nicht einfach nur Überreste, sondern formt aus ihnen ein neues Gebilde, als wäre es dort gewachsen. Auch in einer Windarbeit aus Keramik steckt Material aus der Kolonie selbst, verarbeitet aus Asche von Schnittresten und Ton aus dem Boden. Und selbst der Hundehaufen, im Garten sonst Teil eines banalen, unerfreulichen Kreislaufs, taucht hier wieder auf, konserviert und jeder natürlichen Auflösung entzogen. In anderen Arbeiten kehren Dinge wieder, die zum Bild einer Kleingartenanlage geradezu dazugehören. Nichts daran wirkt fremd, und doch kippt das Vertraute. Da stehen Gartenzwerge, überzogen mit Camouflagemustern, irgendwo zwischen Tarnung und Zurschaustellung. Auch die Zaunspitze kehrt wieder. Reproduziert und versetzt taucht sie in kleinen keramischen Setzungen dort auf, wo man sie leicht übersieht. Und schließlich steht dort auch eine nostalgische Hollywoodschaukel. Erst beim Hinsetzen wird aus dem vertrauten Gartenmöbel eine Hörstation, auf der ein Auszug aus einem Buch über das Leben im Ackerboden und den Verwesungsprozess eines Vogels zu hören ist.

Wieder andere Arbeiten verändern weniger den Ort als die Art, wie man sich in ihm bewegt und was man in ihm wahrnimmt. Eine Schwelle quer auf dem Weg verlangt ein kurzes Innehalten und ein bewusstes Übertreten. Unter einer Glasglocke verbinden sich Keramik und Duft zu einer Arbeit, die den Garten auch über den Geruch erschließt. Und leuchtende Rahmen lenken den Blick auf kleine Details, an denen man sonst leicht vorübergeht. Nicht alle Arbeiten bleiben in den Gärten präsent und dauerhaft sichtbar. Einige gibt es nur in dem Moment, in dem sie stattfinden. Am Eröffnungstag werden beim Kunstspaziergang auch fünf Live-Performances zu sehen sein. Auch sie greifen in sehr unterschiedlicher Weise in den Kunstspaziergang ein. Sie reichen von Tanz und Sound über Sprache und Live-Elektronik bis hin zu partizipativen Formaten und performativen Erscheinungen im Garten.

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Gerade darin liegt die Besonderheit des Kunstspaziergangs. Er führt nicht durch eine Ausstellung im üblichen Sinn, sondern durch Gärten, in denen sich Arbeiten, Eingriffe und Momente erst beim Gehen verbinden. Was man sieht, verändert sich mit dem Tempo, mit dem Licht und mit der Tageszeit. Vieles lässt sich auf eigene Weise entdecken, wiederfinden oder später noch einmal anders begangen werden. Am Eröffnungstag wird daraus auch ein gemeinsamer Weg. Geführte Routen laden dazu ein, den Kunstspaziergang im Austausch mit anderen zu erleben.

Mit Arbeiten von: Alfred Banze, Merle Biesel, Marco Born, Annalisa Derossi, Sigrun Drapatz, Frieder Falk, Irene Fehling, Norbert Herrmann, Olivia Klug, Christine Kral, Sidsel Ladegaard, Petra Lehnardt-Olm, Alexandre Levi, Ruth Lübke, Daniela Müller, Jakob Ostendorf, Maria Salouvardou, Hilvi Schreiber, Sergei Shteiner, Felix Stumpf, Rosalinde Vermeulen, Elena Vlachopoulos, Enny Wokna, Tomoko Yanaka Gruppe: tomko family, Ying Xiao und Shuang Liang, Emma Zimmermann.